2/27/2017

Totempfahl der Waffenkultur

Rhode Island, der kleine Ocean State im Nordosten, hat eine Menge zu bieten, was Touristen aus Europa leider oft verborgen bleibt. Die Atlantikstrände wären da zu nennen; die schöne Küste, vor der oft und gut gesegelt wird und liebenswerte Städte wie Providence oder Newport.

Manche Sehenswürdigkeit aber ergibt sich, hier wie an anderen Orten, erst beim zweiten Hinsehen. Vor dem Gerichtsgebäude in Providence zum Beispiel steht ein Betonpfeiler mit Rostflecken. Denkt man zumindest, bis man etwas genauer hinsieht. Dann entpuppen sich die Rostflecken als verrostete Pistolen. Handfeuerwaffen in Beton, das muss Kunst sein. Oder?

Der Hintergrund des im Volksmund als "Gun Totem" bekannten Kunstwerks liegt in einer ziemlich pragmatischen und ziemlich erfolgreichen Idee. Michael P. Hirsh, ein Kinderarzt aus Neu-England, hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der sich auf den Straßen im Umlauf befindlichen Handfeuerwaffen zu reduzieren. Hirsh hatte selbst miterleben müssen, wie ein befreundeter Kollege bei einem Raubüberfall viele Jahre zuvor erschossen worden war. Er griff die Idee eines Teppichhändlers aus Pittsburgh auf, der all jenen Waffenbesitzern einen kostenlosen Teppich versprochen hatte, die ihm ihre Waffe zum Einschmelzen vorbei brachten und dessen Warenlager in Folge eines gewaltigen Ansturms nach wenigen Tagen beinahe komplett geleert worden war.

Hirsh suchte Partner in Providence, die ein ähnliches Programm mit ihm durchführen würden und hatte bald genug zusammen, um das Programm "Guns for Goods" zu starten. Auch hier in Rhode Island war die Idee ein durchschlagender Erfolg. Tausende Waffen wurden eingesammelt. Einen Teil der Beute übergab er dann an den Künstler Boris Bally, der das Mahnmal errichtete. "Es wird als eine Art metallische Warnung vor dem Übel und der Gewalt in der heutigen Gesellschaft dienen", erklärte der Künstler dazu. Auf jeden Fall dient das Denkmal an eine Erinnerung daran, dass es viele gute Ideen gibt, die manchmal erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.    

1/31/2017

Utqiagvik

Utqiagvik - das klingt ein bisschen so, als ob es sich um ein traditionelles indonesisches Reisgericht handelt oder um den Namen eines Bürodrehstuhl bei IKEA. Ist es aber nicht. Utqiagvik ist der neue Name des Örtchens Barrow, von dem sich vornehmlich Bilder wie dieses finden lassen.



Das ist, genau genommen, sogar ein ziemlich charakteristisches. Denn wenn irgendwo hinter dem Ort Mitte November die Sonne untergeht, dann sieht man sie erst Mitte Januar wieder. Utqiagvik ist die nördlichste Stadt der USA. Rund 4000 Menschen leben hier, gut 60% davon sind Ureinwohner Alaskas und die Abgeschiedenheit ihres Wohnorts hat wahrscheinlich mit dazu beigetragen, dass uralte Traditionen sich hier besonders gut haben erhalten können. 

Aber zurück zur Namensgebung. Ein paar Kilometer außerhalb der Kleinstadt liegt Point Barrow, der nördlichste Punkt der USA, von einem englischen Geographen 1825 nach einem ebenfalls englischen Admiral benannt. Der Ort bekam den fremden Namen sozusagen übergestülpt; als die US Army nach dem Kauf Alaskas hier und dort einen Außenposten errichtete, da nannte sie diesen hier eben Barrow. Fast 200 Jahre lang lebten die Menschen hier, die sich hauptsächlich von der Fischerei und der Versorgung der Forscher in der Umgebung ernähren, mit dem offiziellen Namen, aber in der Sprache der Einheimischen war der Ort immer Utqiagvik, was eine Variation des Wortes für "Schneeeule" in der Inupiat-Sprache ist. 

Im Oktober 2016 fand nun ein Referendum zur Namensgebung statt, bei dem sich eine denkbar knappe Mehrheit von sechs Stimmen für die Rückkehr zum traditionellen Namen fand - wobei nun wiederum vermutlich "Barrow" für die nicht-Urbevölkerung inoffiziell erhalten bleiben wird. 

Wer sich das Ganze mal ansehen möchte, sollte übrigens zwischen Mitte Mai und Ende August kommen. Dann geht die Sonne gar nicht unter und heizt den Ort auf Temperaturen auf, die den Einheimischen wohl schon fast tropisch erscheinen müssen: Bis zu 8°C sind an guten Tagen drin.