7/11/2016

Der Verständiger

Es ist ein überaus freundliches, sympathisches Gesicht, das einem auf der Website des Dallas Police Departments und an anderen Stellen begegnet. David Brown, so scheint es, lächelt eigentlich immer und auf manch einem Foto hat er eine Brille auf, die ein bisschen grotesk wirkt; so eine Brille, wie sie von Leuten getragen wird, die sich selbst nicht so ernst nehmen. 
Brown ist seit 2010 Polizeichef von Dallas und hätte es jenen Tag im Juli 2016 nicht gegeben, dann wäre das außerhalb von Texas nur den wenigsten Leuten bekannt gewesen. Dann aber stand Brown plötzlich vor Dutzenden Kameras und musste erklären, was seine Leute herausgefunden hatten über einen Mann, der eine Protestveranstaltung gegen mutmaßlich rassistisches und gewalttätiges Vorgehen von Polizisten genutzt hatte, um Polizisten zu erschießen. Fünf starben in dieser Nacht.
Schwarz, weiß, Morde, Polizei. David Brown ist nicht neu in dieser Welt, es scheint nur irgendwie ein besonders sarkastischer Schachzug des Schicksals zu sein, dass er und sein freundliches Gesicht immer wieder in den Mittelpunkt dieses Themas rücken. 1991 war Brown schon acht Jahre bei der Polizei in seinem Heimatort Dallas, er hatte unten auf der Karriereleiter angefangen mit Streifendienst, als sein jüngerer Bruder erschossen wurde, es war wohl irgendwas mit Drogen. Das war drei Jahre nachdem Brown erleben musste, wie ein Freund von der Polizeiakademie im Dienst getötet worden war.
All die Gewalt und die Getöteten - man hätte es David Brown nicht verübeln können, wenn er aus diesen Kreisen ausgestiegen wäre. Doch er machte weiter. Machte Fortbildungen, unter anderem beim FBI und bei den Sicherheitsbehörden in Israel, er arbeitete in der SWAT-Abteilung, wo es richtig zur Sache geht und in der internen Revision, wo sie sich unter anderem um Fälle kümmern, in denen Polizisten übertriebene Gewalt angewendet haben. Brown kennt alles, die Bilder und die Erklärungen und die Ansätze zur Verbesserung, vor allem kennt er das Bodenlose, vor dem man angesichts dieser Gewalt stehen kann. 2010, in der ersten Woche, in der er den Posten des Polizeichefs von Dallas innehatte, hatte Brown die ersten Erfahrungen mit den Kameras hatte machen müssen. Er erklärte der Öffentlichkeit damals, dass Polizisten einen jungen Mann erschossen hatten, von dem eine Gefahr ausgegangen war. Der Mann hatte zuvor einen Polizisten und einen weiteren Mann getötet. Der Mann war Browns Sohn, ebenfalls David mit Vornamen und an einer bipolaren Störung erkrankt. Es war Vatertag.   
Der Sohn ein Polizistenmörder, der Vater der Polizeichef einer der größten Städte der USA. Diese Schicksalsschläge müssen ihn geprägt haben, auch wenn man sie in dem lachenden Gesicht nicht ablesen kann. Ungeachtet der Dinge, die passiert waren, verfolgte Brown seine selbst gesetzte Agenda völlig unbeirrt. Er wollte die Beschwerden über unverhältnismäßige Einsätze der Polizisten reduzieren; er wollte, dass geredet wird statt geschossen. An dem Abend, an dem in Dallas 2016 die Polizisten von einem Heckenschützen erschossen wurden, hatten Browns Mitarbeiter Bilder über Twitter verbreitet, auf denen sich Polizisten Arm in Arm mit Demonstranten zeigten, die gekommen waren, weil sie ihren Ärger über die Polizeigewalt im Land in den Nachthimmel schreien wollten. “Community policing” nennt man die Strategie von David Brown und sie sieht vor, dass die Polizei als Teil der Gemeinschaft verstanden wird und sich auch selbst so versteht, dass die Officers zu Fuß Streife gehen, den Leuten auf der Straße Guten Tag sagen, statt in Fahrzeugen mit verdunkelten Scheiben durch die Straßen zu rollen. Wenn es zu Zwischenfällen kam, wenn wieder jemand durch die Waffe eines Polizisten ums Leben gekommen war, dann ließ Brown die Namen der Beamten veröffentlichen und die Menschen von Dallas so gut es geht an den Ermittlungen teilhaben.  
Im Jahr vor Browns Amtsantritt hatte es 150 Beschwerden gegeben über die Art und Weise, wie Dallas’ Polizisten vorgingen. Letztes Jahr waren es 13. Dallas ist ein Vorbild geworden, hohe Beamte aus anderen Städten in Amerika sehen sich oft an, wie Brown das macht mit der Bürgernähe. Es gibt nicht viele Städte, die Vorwürfe von polizeilichem Rassismus und übertriebener Polizeigewalt so gelassen zurückweisen können wie Dallas das kann. Und am Tag, nachdem ein Ex-Soldat fünf seiner Leute kaltblütig erschossen und sechs weitere verwundet hatte, da trat David Brown erneut vor die Kameras. “Wenn Ihr etwas ändern wollt”, wandte er sich an die, die vor den Morden friedlich demonstriert hatten, “dann bewerbt Euch bei der Polizei. Wir suchen Leute wie Euch.”

Dieser Text erschien zuerst bei Texas-Magazin

7/04/2016

Versteckte Juwelen

Die Nationalparks sind wohl so etwas wie die Kronjuwelen des amerikanischen Tourismusangebots. Klar, den Grand Canyon, Yosemite oder Bryce Canyon muss man auch mal gesehen haben. Es ist allerdings leider so, dass die wenigsten Besucher sich ausreichend Zeit nehmen, um all die Schönheiten eines Nationalparks richtig zu erkunden. Meistens bleibt man ja doch in einem ziemlich engen Radius rund um das Besucherzentrum und da ist es entsprechend voll, vor allem während der Hauptreisezeiten. 

Für fortgeschrittene USA-Touristen und als Alternative lohnt da ein Blick auf die State Parks. In allen 50 Bundesstaaten wurden State Parks eingerichtet, in einigen sogar mehr als 100. Auch diese sind oft äußerst sehenswert, aber nicht so überlaufen. State Parks werden von den Bundesstaaten verwaltet und dienen dem Naturschutz oder als Freizeitgelände. Sie haben zwar oft nicht die touristische Infrastruktur, wie man sie aus den Nationalparks kennt, dafür aber sind sie versteckte Schätze, in denen man Amerikas Schönheit oftmals näher sein kann als an den berühmten Reisezielen. 

Bruneau Dunes State Park, Idaho
Ein Beispiel: Der Bruneau Dunes State Park ist schon deswegen kaum als touristischer Hotspot anzusehen, weil er in Idaho liegt und damit fernab der allermeisten Reiserouten. Hier kann man wunderbar spazieren, campen, die Sanddünen mit dem Schlitten heruntersausen oder einen von zwei Seen zum Schwimmen oder Angeln nutzen. Hervorragende Bedingungen für die Astronomie und Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten gibt's gleich noch mit dazu.  


Smith Rock State Park, Oregon
Oder Oregon: Der Smith Rock State Park liegt in der Region High Desert, in der Nähe von Redmond. Die Hauptattraktion hier ist der gleichnamige Felsen vulkanischen Ursprungs, an dem man klettern darf; genau genommen gilt er sogar als Geburtsort des Freikletterns in den USA. Wer weniger ambitioniert ist, kann auch einfach wandern und hat dabei vielleicht die Gelegenheit, einen Blick auf die reichhaltige Tierwelt zu werfen, die hier zu Hause ist - dazu gehören allerdings auch Klapperschlangen. Im State Park gibt es einen Campingplatz für alle, die an einem Tag nicht genug bekommen. 
False Cape State Park, Virginia

Andere Küste, anderes Beispiel. Im äußersten südwestlichen Zipfel von Virginia liegt das False Cape, so genannt weil es wie ein Kap aussieht, im Stadtgebiet von Virginia Beach. Es ist heute der Mittelpunkt eines State Parks, in dem es fast 7 Meilen nahezu unberührten Strand gibt. Erreichen kann man das Gelände nur, wenn man vorher mit einer Tram ein Naturschutzgebiet durchquert - allein die Anreise ist durchaus ein Erlebnis. 

State Parks sind eine echte Empfehlung für alle, die nicht zum ersten Mal nach Amerika kommen. Eine gute Übersicht über alle State Parks in den 50 Bundesstaaten gibt es bei http://www.stateparks.com/