1/20/2016

Schiffbruch am Atlantik

Auf Amerikas Spielplatz ist es deutlich stiller geworden. Inzwischen sind es nur noch acht Casinos, die in Atlantic City um die Gunst der Besucher buhlen. Schuld am Rückgang sind vor allem neue und oft modernere Casinos in den Nachbarstaaten New York und Pennsylvania, die es besser verstanden, Besucher anzulocken. Die trotz aller Versuche, alternative Attraktionen für Touristen zu schaffen beständig ausbleibenden Umsätze der Glücksspielindustrie führten dazu, dass die Stadt inzwischen so stark verschuldet ist, dass der Bundesstaat New Jersey demnächst die Notbremse ziehen und zwangsweise die Stadtverwaltung übernehmen könnte.

Im April 2012 eröffnete das Revel Casinohotel. 47 Stockwerke, 2,4 Milliarden Dollar Baukosten, 1400 Zimmer, vollverglaste Fassade. Es sollte ein Aufbruch sein in eine moderne Ära des Gambling und es sollte nicht nur die Stadt aufwerten, sondern den Tourismus gleich mit. Las Vegas der Ostküste, ebenso neu erfunden wie sich Las Vegas immer wieder neu erfunden hat.

Ende Oktober 2012 zog der Hurricane Sandy über die Atlantikstaaten. Die Verwüstungen in New Jersey waren immens, doch eigentlich kam Atlantic City mit einem blauen Auge davon. Ein Teil des berühmten Boardwalks wurde weggerissen, aber der touristische Bezirk blieb ansonsten weitgehend unbeschädigt. Sandy mag einen Teil zum Niedergang der Tourismusumsätze beigetragen haben, der entscheidende Teil aber war das nicht.

Las Vegas ist schon tausend Tode gestorben, manchmal sogar ganz freiwillig. Aber wenn es gefallen ist, wenn die Leitartikler ihre Nachrufe auf die Welthauptstadt des Entertainment eingereicht hatten, dann hat sich Vegas nie lange selbst bemitleidet, sondern hat sich neu erfunden. Nach einem dieser rechten Haken entstanden die Themenhotels, nach dem nächsten die Positionierung als Familien-Reiseziel. Und noch ein bisschen später, als die Familien doch nicht mehr kommen wollten, da dachten sie sich "What happens in Vegas, stays in Vegas" aus.

Atlantic City scheint dieser Erfindungsreichtum, oder auch nur der Wille dazu zu fehlen. Man sah die neuen Konkurrenten in der Nachbarschaft und man erkannte, dass man irgendwas einzigartiges würde bieten müssen, damit die Leute trotzdem nach New Jersey kommen. Geschehen ist es nicht. Wenigstens sorgte eine neue Marketing-Offensive dafür, dass die Stadt ein bisschen was vom leicht angeschmuddelten Image wieder loswerden konnte. Die glitzernden neuen Fassaden waren da ein Mosaikstein.

Im Jahr 2014 schlossen vier große Casinos in Atlantic City für immer. Eines davon war das Revel.

1/18/2016

Schönheit und Versagen im Verfall

Seitdem Detroit nicht mehr als glitzernde Autostadt gilt, sondern immer dann als Kronzeuge herbeizitiert wird, wenn es um solche Begriffe wie "Niedergang" geht; seitdem scheint Michigans Metropole eine Art zweite Karriere eingeschlagen zu haben. Auf einmal gibt es Webseiten über Detroit und Bildbände und Foto-Ausstellungen über Detroit, über die auf Webseiten berichtet wird und immer geht es dann um leerstehende Gebäude, graffitiverschmierte Wände und Fußböden, auf die jemand achtlos Papiere oder zerfetzte Kleidung geworfen hat. Kurz, die Welt leidet nicht mit Detroit, sie weidet sich aus einer ästhetischen Perspektive an der Krankheit einer Stadt, die sich zu sehr an nur einer Droge berauscht hat und die noch vor 25 Jahren fast 350.000 Einwohner mehr hatte als heute.


Überhaupt hat sich eine merkwürdige Faszination am Zerstörten und am Gestern-noch-Prächtigen etabliert. "Abandoned Places" werden oft und gern gegoogelt und bei den Ergebnissen ist zuverlässig immer Detroit dabei, auch wenn sich die Stadt längst wieder selbst ins Gesicht geschlagen hat und dabei ist, sich wieder aufzurappeln. Die Detroit Motor Show jedenfalls läuft schon wieder ganz gut und die Detroit Tigers können den besten Spielern auch immer noch gute Gehälter bezahlen, weil es eben immer noch eine Menge Fans gibt, die sich TV-Abos und Eintrittskarten leisten können.

Und dennoch steckt hinter all den Verfalls-Porno-Bildern etwas Ernstes. Zum Beispiel den Verlust von jungen Familien und Fachleuten, die ohne funktionierende Autoindustrie in Michigan nicht mehr leben mochten. Oder ein Sparzwang, wie in Flint, einer Stadt mit heute noch knapp unter 100.000 Einwohnern im erweiterten Umland von Detroit. Flint ist der Ort, in dem General Motors gegründet wurde; Flint ist der Ort, in dem jahrelang Buicks und Chevrolets gebaut wurden. Flint ist aber auch der Ort, der sich Anfang der 2000er als gefährlichste Stadt der USA einen Namen machte und Flint ist der Ort, in dem die Regierung des Bundesstaats Michigan die Kontrolle über die Stadtverwaltung übernahm, weil es nichts mehr zu holen gab. Der Großteil der Einwohnerschaft lebte unter der Armutsgrenze, es gibt viel zu viele Morde und viel zu wenige Arbeitsplätze.

Die Wasserwerke von Detroit waren den neuen Kassenkontrolleuren zu teuer, also wurde das Trinkwasser kurzerhand aus dem Fluss gezapft. Und weil in Amerika Trinkwasser tatsächlich viel getrunken wird und weil ein Fluss in einem für seine Schwerindustrie bekannten Gebiet wohl nie so richtig gutes Wasser liefern kann, fing es irgendwann an, dass den Kindern die Haare ausfielen und die Erwachsenen über Hautausschläge klagten. Der viel zu hohe Bleigehalt, den man aus Kostengründen wohl nie so richtig hat ausrechnen lassen, wird bei vielen dieser Menschen noch für Jahre die Gesundheit schädigen. So bezahlt die Bundesregierung jetzt truckweise Wasser aus Plastikflaschen und Präsident Obama hat für Flint den Notfall ausrufen müssen. Weil hinter jedem Verfall eben etwas steht, was mal funktioniert hat und wofür jetzt niemand mehr einen Sinn hat.