12/28/2016

TV-Demokratie

Wir leben in Zeiten, in denen Umfragen nicht mehr so recht in der Lage zu sein scheinen, politische Stimmungen richtig zu interpretieren. Also müssen neue Maßstäbe und Orientierungspunkte her. Die New York Times, die ihrerseits seit dem 9. November gedanklich damit zu kämpfen hat, dass Außenseiter Trump die Wahl gewonnen hat, scheint diese Ankerpunkte nun gefunden zu haben - auf dem Fernsehbildschirm.



Das sind die Robertsons. Die Robertsons betreiben in Louisiana eine Fabrik für Ententröten, also für Pfeifen, die den Lockruf von Enten imitieren. Das ungewöhnliche (übrigens millionenschwere) Unternehmen und die nicht minder ungewöhnliche Familie sind das Thema einer Reality-TV-Serie namens "Duck Dynasty", die seit 2012 im amerikanischen Kabelfernsehen läuft. Bei den Robertsons geht es in der Regel rustikal zu. Man ist bibelfest, man mag moderne Technik weniger gern und man mag es auch nicht besonders, wenn Frauen aus den ihnen zugedachten Rollen auszubrechen suchen. Patriarch Phil Robertson sorgte 2013 für einen Skandal, als er sich in einem Interview zu abwertenden Äußerungen über Schwarze und Homosexuelle hinreißen ließ. 

Es ist also eher das einfache Gemüt, das in dieser Sendung thematisiert wird; böse Zungen würden behaupten, es sei eine Redneck-Show mit reaktionären Anklängen. Wie dem auch sei, die Leute von der Times haben sich mal angesehen, wo die Facebook-Präsenz dieser und anderer Serien die meisten "Gefällt mir"-Angaben herbekommen haben. Es ergab sich ein wirklich interessantes Bild bei manchen Serien, besonders bei "Duck Dynasty". Diese Sendung erfreut sich größter Beliebtheit in ländlichen Regionen vor allem in Texas und Arkansas und - so bemerkt es die Times nicht ohne Wohlwollen - bei keiner anderen Sendung war die Korrelation zwischen Trump-Wählerschaft und Serien-Faneigenschaft so hoch wie bei Duck Dynasty. 

Die ganze Auswertung mit allen Regionen der USA und 50 verschiedenen TV-Shows gibt es hier: http://www.nytimes.com/interactive/2016/12/26/upshot/duck-dynasty-vs-modern-family-television-maps.html?
   

12/18/2016

Versandet



Florida hat mehr als ein Pfund, mit dem es auf dem internationalen Tourismusmarkt wuchern kann, aber seine Strände spielen eine der wichtigsten Rollen. Sandstrand, möglichst weißer, wirkt in Werbebroschüren immer noch am Besten. Derselben Erkenntnis folgt man nicht nur in Miami Beach, sondern auch in so ziemlich jedem Ort entlang der Atlantikküste, der einen Zugang zum Meer vorzuweisen hat; ganz gleich ob in Florida oder Georgia, Virginia oder New Jersey.

Um die typischen Bilder weiter vorweisen zu können, um das Gefühl vom warmen Sand auf der Haut vermitteln zu können, müssen diese Strandgemeinden aber immer mehr aufwenden und es ist nicht auszuschließen, dass es mancherorts diese Bilder gar nicht mehr geben wird.

Der Grund dafür ist die Tatsache, dass es die Strände eigentlich heute schon nicht mehr gibt. In den 1970er Jahren war der Strand von Miami Beach eigentlich schon so gut wie verschwunden, denn Welle auf Welle spült etwas vom Sand weg und lässt den Strand erodieren. Aus diesem Grund werden alle Strände in den Zeiten, in denen nicht so viele Touristen da sind, "repariert", was bedeutet, dass Sand herbeigeschafft wird. Dazu wird in der Regel einfach Sand aus dem Meer gegraben und der Strand damit aufgefüllt. Das allein ist schon eine extrem kostspielige Angelegenheit. 8,6 Milliarden Dollar, so haben es Forscher an der Western Carolina University ausgerechnet, wurden in den USA schon investiert, um Sandstrände wie natürliche Sandstrände aussehen zu lassen, die sie schon lange nicht mehr sind.

Das Problem wird sich in Zukunft verschärfen und man kann nicht ausschließen, dass die Kosten irgendwann nicht mehr von den Einnahmen aus dem Tourismus abgedeckt werden können. Ein Grund dafür ist der Klimawandel: Je höher der Meeresspiegel steigt, desto mehr Sand geht verloren. Hurrikane, wie sie vor allem in Florida vorkommen, tragen ebenfalls viel Sand weg.

Noch wichtiger aber ist ein anderer Grund. Weil man nicht einfach irgendwelchen Sand nehmen kann, damit sich der Strand "richtig" anfühlt, nimmt man in aller Regel den Sand aus dem Meer direkt vor der eigenen Küste. An manchem Ort allerdings - Miami Beach ist das bekannteste Beispiel dafür - gibt es auch im Meer schlicht und ergreifend nichts mehr zu holen. Wenn man also den Strand bewahren will und auch die Bauten, die entlang der Küste errichtet worden sind, dann bleibt nichts anderes mehr übrig, als den Sand andernorts zu kaufen. Zuletzt gab Miami Beach mehrere Millionen Dollar aus, um aus der Nähe von Orlando Sand zu kaufen. Mittelfristig allerdings könnte ein Nachbarstaat der USA zum großen Profiteur werden und eine regelrechte Goldgräberstimmung erleben: Der Sand von den Bahamas ist, so berichten Experten und Einkäufer, von feinster Qualität und Farbe.

11/21/2016

Amerika im November

Ein Spielplatz in Brooklyn, New York, am 20.11.2016

Richard B. Spencer wird als Erfinder des Begriffs "Alt-Right" angesehen. "Alt-Right" ist, ganz grob, das was bei uns unter "Rechtspopulismus" zusammengefasst wird, wobei man die Definition auch noch weiter nach rechts verschieben kann. Es gibt Leute, die Spencer dem "White Supremacist"-Umfeld zurechnen, also jenen Leuten, die von der Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt sind. Zu Alt-Right jedenfalls gehören neben Spencer auch Leute wie Stephen Bannon und Andrew Breitbart.

Nach dem Tod des Gründers hatte Stephen Bannon die Leitung der Breitbart-Website übernommen und sie nicht nur zum Sturmgeschütz von Alt-Right ausgebaut, sondern auch zu der Nachrichtenschleuder im Netz, die maßgeblich zu Donald Trumps Sieg bei den Wahlen beigetragen hat. Im Oktober hatte die Seite 85 Millionen Zugriffe verzeichnet. "Ich habe das Zuhause der Alt-Right Bewegung gebaut", hatte er stolz verkündet. Andrew Breitbart selbst hatte seinen Nachfolger mal mit den Worten beschrieben, Stephen Bannon sei die Leni Riefenstahl der Tea Party.

Stephen Bannon ist von Donald Trump zum Chefberater für die Präsidentschaft ernannt worden, er wird erheblichen Einfluss auf die amerikanische Politik ab Januar haben.  

Zurück zu Richard Spencer. Der kam nach eigenem Bekunden nach Trumps Wahlsieg aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. So jedenfalls erzählte er das am vergangenen Wochenende bei der Jahrestagung des von ihm geleiteten National Policy Instituts.

Später dann sprach er deutsch, als er Worte und Gedanken zitierte, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 benutzt worden waren. Abgeschlossen wurde sein Vortrag mit einem kräftigen "Heil the People! Heil Victory!". Und im Raum reckten sich ihm ausgestreckte rechte Arme entgegen.    

10/28/2016

Wo die zweite Scheibe Käse auf dem Cheeseburger herkommt

Es türmt sich ein gewaltiger Berg auf. Er besteht aus Käse und er wächst jeden Tag weiter. Ein erhellender Artikel bei Vox.com warf neulich ein Schlaglicht auf das kaum für möglich gehaltene Spannungs- und Interdependenzverhältnis zwischen China, amerikanischer Käseproduktion, Russland und dem Rückgang des Anteils der weißen Bevölkerung in den USA. Das alles fügt sich tatsächlich zusammen und diese Story geht ungefähr so:


Mehr als 500 Millionen Kilo Käse lagern derzeit in Kühlhäusern überall im Land, das Ergebnis einer hemmungslosen, profitgetriebenen Überproduktion in den letzten Jahren. Diese wiederum war die Folge eines Aufschwungs für die chinesische Mittelklasse vor zwei Jahren, die sich in einem Heißhunger der Chinesen auf Milchpulver ausdrückte. Sicher auch auf andere Dinge wie Reisen nach Europa und Luxusuhren aus Schweizer Produktion, aber eben auch auf Milchpulver.

Der amerikanische Farmer handelte schnell, kaufte Extra-Kühe und fuhr die Produktion von Milch hoch. Dank der Chinesen stiegen die Preise kräftig und da wollte der amerikanische Farmer gerne mitmachen. Doch dann spielten die politischen Entwicklungen nicht mehr mit. Chinas Wirtschaft kam ins Stocken, die EU hob die Deckelung der Milchproduktion auf, der steigende Dollarkurs machte amerikanische Produkte teurer, die Russen waren beleidigt und wollten keine westlichen Lebensmittel mehr kaufen und plötzlich war da viel zu viel Milch und viel zu viele Kühe, die immer weiter Milch produzierten.

Die Milch kam auf den heimischen Markt, wo sich die Verbraucher über billige Milchpackungen freuten und die Käsemacher auf einmal günstige Rohstoffe vorfanden. Nur - so viel Käse können die Amerikaner nicht essen. Zumal die weiße Bevölkerung, die früher im Durchschnitt am meisten Milch konsumierte, immer geringere Anteile an der Bevölkerung stellt. Und so verdirbt der Käse jetzt langsam und noch viel schneller verdirbt die Milch, die gar nicht erst an die Käsemacher verkauft werden konnte. Manchmal verdirbt sie so schnell, dass die Milchhersteller ihre Produkte einfach in die Landschaft ablassen müssen.

Die Regierung musste eingreifen. Zur Regierung gehört das Landwirtschaftsministerium und das kauft immer mal für ein paar Millionen Milch und Käse auf, damit nicht noch mehr Milch- und Käsemacher pleite gehen. Zum Landwirtschaftsministerium gehört auch die Marketinggesellschaft Dairy Management Inc. (DMI), die bei Unternehmen dafür wirbt, dass sie mehr Milchprodukte kaufen und verarbeiten sollen. Zum Beispiel hat die DMI McDonald's davon überzeugt, dass Cheeseburger mit zwei Scheiben Käse einfach besser schmecken.

Eine Lösung für das Problem ist nicht in Sicht. Die Amerikaner müssten viel, viel mehr Käse essen, das würde helfen, aber auch dann bleibt noch immer ein riesiger Berg übrig. Vielleicht brauchen die Chinesen ja bald wieder Milchpulver.

10/09/2016

Russlands Kolonie in Kalifornien

Mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer Fläche bekamen die USA am 30. März 1867 dazu, als sie dem schwer in Geldnot geratenen russischen Zaren Alaska abkauften. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatten sich Russen in Alaska niedergelassen, sie lebten in aller Regel vom Pelzhandel - wobei sie die eingeborene Bevölkerung der Aleuten als Sklaven benutzten. Allerdings hatte man die Population der Otter, auf deren Fell es die Kolonialherren abgesehen hatten, ziemlich rasch so weit dezimiert, dass sich das Jagd-Business nicht mehr richtig lohnte. Auch das mit der Landwirtschaft wollte auf Alaska Boden nicht so recht funktionieren und so wurde es Zeit, sich nach neuen Möglichkeiten umzusehen.


So fiel der Blick auf Kalifornien. Dort hatten die Spanier zu jener Zeit schon allerhand Kolonien errichtet und es ging ihnen nicht schlecht. Die Russen hatten mit den Spaniern zuvor schon so einiges an Handel getrieben und gemeinsam auf die Jagd gegangen war man an der kalifornischen Küste auch schon. So kannten sie die Region also und, mal ehrlich, irgendwie sah Kalifornien halt auch ansprechender aus als Alaska. Fruchtbare Böden gab es da und auch Otter.

Ab 1808 begannen so die Bemühungen um die Errichtung einer permanenten russischen Siedlung in Kalifornien. So richtig wollte das anfangs nicht klappen und nach und nach tauchten dann auch immer mehr Otterpelzjäger in den Gewässern auf, so dass die Beute auch hier bald knapp wurde. Einige kleinere russische Siedlungen entstanden dennoch, mit einem Fort als Zentrale, das später von französischen Entdeckern als "Fort Ross" bezeichnet wurde, wobei das "Ross" auf "russisch" und eine Lautverschiebung zurückzuführen ist.



Doch so richtig glücklich wurden die Russen hier auch wieder nicht. Ein Chronist beklagte nach einiger Zeit, dass das Fort und die Ländereien nur Ausgaben, aber kaum Ertrag einbrachten - die landwirtschaftlichen Bemühungen waren wenig erfolgreich. So verloren sie bald den Spaß an ihren kalifornischen Ländereien und suchten nach jemandem, der ihnen das Fort und die Siedlungen abkaufen würde, zunächst erfolglos. Schließlich war es John Sutter, der deutsch-schweizerische Pionier, der maßgeblich zur Entwicklung Kaliforniens beigetragen hatte, der Fort Ross kaufte, für 30.000 Dollar. Das war das Ende der russischen Kolonie in Kalifornien.

Doch eine Geschichte mit russischer Beteiligung kommt natürlich nicht ohne Komplikationen aus. 2009 drohte dem kalifornischen State Park aus finanziellen Gründen die Schließung. Schließlich sprang eine russische Firma aus New York ein und half mit einer Finanzspritze aus. Und in jüngerer Vergangenheit haben irgendwelche Leute mit Agenda die Geschichte um Sutter wieder ausgegraben und die Behauptung aufgestellt, dass die 30.000 Dollar nie bezahlt worden seien. Aus diesem Umstand, so geht die Legende weiter, erwachse natürlich auch im Jahr 2016 noch ein Anspruch Russlands auf die Ländereien. Die Tatsache, dass Sutters Zahlung belegt ist, spielt bei einer solchen Agenda natürlich keinerlei Rolle.


Fort Ross California State Historic Park, bei Jenner im Sonoma County, täglich geöffnet
http://www.parks.ca.gov/?page_id=449   

9/04/2016

Gottes Botschaft

Zu den Eindrücken eines Roadtrips durch die USA, besonders wenn man durch kleinere Orte kommt, gehören ein paar Dinge, die man zuerst als unbekannt wahrnimmt, die sich aber bald ganz selbstverständlich in den Gesamteindruck einfügen. Wassertürme sind solche Dinge, aber auch Tafeln mit Wechselbuchstaben, wie sie zum Beispiel vor Schulen stehen, aber besonders gerne vor Kirchen. Dort verkünden sie entweder das Wort Gottes oder Termine für die Kirchengemeinde. Meistens jedenfalls.

Oder sie werden für ganz andere Botschaften genutzt und dienen damit als leuchtendes Beispiel dafür, dass man in Amerika mit manchen Themen eben ein bisschen ungezwungener umgeht. In diesem Beispiel etwa möchte man wohl mit einem Augenzwinkern die Schwellenangst senken und neue Schäfchen für die Gemeinde gewinnen. Letzteres ist vermutlich ein nicht ganz unwichtiger Faktor für die fantasievollen church signs im Land: Zum einen möchte man sich als weltoffen und modern präsentieren, als Ort der Gemeinschaft zuerst, geleitet vom Glauben, aber trotzdem weltlich. Zum anderen aber sind Kirchen in den USA darauf angewiesen, die Zahl der Gläubigen zu steigern, denn die Finanzierung der Glaubensgemeinschaften ist davon abhängig. 

Hier nun also ein Blick darauf, wie kreativ Kirchen auf sich aufmerksam machen:


Für Sportfans:


Leise drohend:



Konkurrenz ist schließlich überall:



Soziale Netzwerke gibt's auch offline:



Ruhig auch mal einen ganz aktuellen Trend mitmachen:



Irgendwann ist es schließlich auch mal genug mit dem Beten:



Obwohl... Gibt's da nicht doch was zu beichten?



Auf jeden Fall: Genau lesen, was da steht!










  

8/12/2016

Ein digitaler Albtraum

In der Mitte von Kansas geht es beschaulich zu. Es gibt viel Grün, dazwischen mal einen Wasserturm und ein paar Gebäude. Ein paar Leute verdienen ihr Geld mit Zulieferservices für die Ölindustrie, andere mit der Landwirtschaft. So richtig aufregend ist hier nichts. Sollte man meinen. Die Arnolds aus Potwin, Kansas sehen das allerdings etwas anders.



Irgendwann vor rund 14 Jahren machte sich eine Firma daran, alle IP-Adressen, die es so gibt, zu Straßenadressen zuzuordnen. Das lief auch ganz gut; jedenfalls so gut, dass die dabei entstandenen digitalen Landkarten in den folgenden Jahren einige Verbreitung fanden. Dem Problem, dass man aber längst nicht alle IP-Adressen tatsächlich einem geographischen Ort zuordnen kann, entledigten sich die Kartographen auf etwas unelegante Art: Sie legten sie alle einfach auf einen Punkt, irgendwo ziemlich genau in der Mitte der USA. 

Seitdem liegen rund 600 Millionen IP-Adressen im Vorgarten der Arnolds. Die wiederum gehobeneren Alters sind und mit dieser Information wohl nicht mal etwas hätten anfangen können, wenn sie ihnen bewusst gewesen wäre. War sie aber nicht. Und so waren die Arnolds einigermaßen erstaunt, als der Sheriff vorbeikam. Und die Polizei. Und das FBI. Und die Steuerbehörde. Und alle hegten böse kriminelle Verdächtigungen. Noch böser waren die erbosten Kunden diverser Internet-Dienstleister, bei denen irgendwas nicht funktionierte und die deswegen persönlich vorbeikamen oder anriefen. 

Das ganze Schauspiel zog sich über Jahre hin, oft wurden die Arnolds nachts aus dem Schlaf geklingelt. Bis eine andere Internetfirma die vielen Millionen gleichen Adressen bemerkte und den Hausbesitzer darauf aufmerksam machte. Der Sammelpunkt für nicht eindeutig identifizierbare IP-Adressen ist jetzt ein paar Meilen weiter weg, in einem See. Und die Arnolds sind jetzt vor Gericht gezogen.


Die ganze Story ist nachzulesen bei der Denver Post

7/11/2016

Der Verständiger

Es ist ein überaus freundliches, sympathisches Gesicht, das einem auf der Website des Dallas Police Departments und an anderen Stellen begegnet. David Brown, so scheint es, lächelt eigentlich immer und auf manch einem Foto hat er eine Brille auf, die ein bisschen grotesk wirkt; so eine Brille, wie sie von Leuten getragen wird, die sich selbst nicht so ernst nehmen. 
Brown ist seit 2010 Polizeichef von Dallas und hätte es jenen Tag im Juli 2016 nicht gegeben, dann wäre das außerhalb von Texas nur den wenigsten Leuten bekannt gewesen. Dann aber stand Brown plötzlich vor Dutzenden Kameras und musste erklären, was seine Leute herausgefunden hatten über einen Mann, der eine Protestveranstaltung gegen mutmaßlich rassistisches und gewalttätiges Vorgehen von Polizisten genutzt hatte, um Polizisten zu erschießen. Fünf starben in dieser Nacht.
Schwarz, weiß, Morde, Polizei. David Brown ist nicht neu in dieser Welt, es scheint nur irgendwie ein besonders sarkastischer Schachzug des Schicksals zu sein, dass er und sein freundliches Gesicht immer wieder in den Mittelpunkt dieses Themas rücken. 1991 war Brown schon acht Jahre bei der Polizei in seinem Heimatort Dallas, er hatte unten auf der Karriereleiter angefangen mit Streifendienst, als sein jüngerer Bruder erschossen wurde, es war wohl irgendwas mit Drogen. Das war drei Jahre nachdem Brown erleben musste, wie ein Freund von der Polizeiakademie im Dienst getötet worden war.
All die Gewalt und die Getöteten - man hätte es David Brown nicht verübeln können, wenn er aus diesen Kreisen ausgestiegen wäre. Doch er machte weiter. Machte Fortbildungen, unter anderem beim FBI und bei den Sicherheitsbehörden in Israel, er arbeitete in der SWAT-Abteilung, wo es richtig zur Sache geht und in der internen Revision, wo sie sich unter anderem um Fälle kümmern, in denen Polizisten übertriebene Gewalt angewendet haben. Brown kennt alles, die Bilder und die Erklärungen und die Ansätze zur Verbesserung, vor allem kennt er das Bodenlose, vor dem man angesichts dieser Gewalt stehen kann. 2010, in der ersten Woche, in der er den Posten des Polizeichefs von Dallas innehatte, hatte Brown die ersten Erfahrungen mit den Kameras hatte machen müssen. Er erklärte der Öffentlichkeit damals, dass Polizisten einen jungen Mann erschossen hatten, von dem eine Gefahr ausgegangen war. Der Mann hatte zuvor einen Polizisten und einen weiteren Mann getötet. Der Mann war Browns Sohn, ebenfalls David mit Vornamen und an einer bipolaren Störung erkrankt. Es war Vatertag.   
Der Sohn ein Polizistenmörder, der Vater der Polizeichef einer der größten Städte der USA. Diese Schicksalsschläge müssen ihn geprägt haben, auch wenn man sie in dem lachenden Gesicht nicht ablesen kann. Ungeachtet der Dinge, die passiert waren, verfolgte Brown seine selbst gesetzte Agenda völlig unbeirrt. Er wollte die Beschwerden über unverhältnismäßige Einsätze der Polizisten reduzieren; er wollte, dass geredet wird statt geschossen. An dem Abend, an dem in Dallas 2016 die Polizisten von einem Heckenschützen erschossen wurden, hatten Browns Mitarbeiter Bilder über Twitter verbreitet, auf denen sich Polizisten Arm in Arm mit Demonstranten zeigten, die gekommen waren, weil sie ihren Ärger über die Polizeigewalt im Land in den Nachthimmel schreien wollten. “Community policing” nennt man die Strategie von David Brown und sie sieht vor, dass die Polizei als Teil der Gemeinschaft verstanden wird und sich auch selbst so versteht, dass die Officers zu Fuß Streife gehen, den Leuten auf der Straße Guten Tag sagen, statt in Fahrzeugen mit verdunkelten Scheiben durch die Straßen zu rollen. Wenn es zu Zwischenfällen kam, wenn wieder jemand durch die Waffe eines Polizisten ums Leben gekommen war, dann ließ Brown die Namen der Beamten veröffentlichen und die Menschen von Dallas so gut es geht an den Ermittlungen teilhaben.  
Im Jahr vor Browns Amtsantritt hatte es 150 Beschwerden gegeben über die Art und Weise, wie Dallas’ Polizisten vorgingen. Letztes Jahr waren es 13. Dallas ist ein Vorbild geworden, hohe Beamte aus anderen Städten in Amerika sehen sich oft an, wie Brown das macht mit der Bürgernähe. Es gibt nicht viele Städte, die Vorwürfe von polizeilichem Rassismus und übertriebener Polizeigewalt so gelassen zurückweisen können wie Dallas das kann. Und am Tag, nachdem ein Ex-Soldat fünf seiner Leute kaltblütig erschossen und sechs weitere verwundet hatte, da trat David Brown erneut vor die Kameras. “Wenn Ihr etwas ändern wollt”, wandte er sich an die, die vor den Morden friedlich demonstriert hatten, “dann bewerbt Euch bei der Polizei. Wir suchen Leute wie Euch.”

Dieser Text erschien zuerst bei Texas-Magazin

7/04/2016

Versteckte Juwelen

Die Nationalparks sind wohl so etwas wie die Kronjuwelen des amerikanischen Tourismusangebots. Klar, den Grand Canyon, Yosemite oder Bryce Canyon muss man auch mal gesehen haben. Es ist allerdings leider so, dass die wenigsten Besucher sich ausreichend Zeit nehmen, um all die Schönheiten eines Nationalparks richtig zu erkunden. Meistens bleibt man ja doch in einem ziemlich engen Radius rund um das Besucherzentrum und da ist es entsprechend voll, vor allem während der Hauptreisezeiten. 

Für fortgeschrittene USA-Touristen und als Alternative lohnt da ein Blick auf die State Parks. In allen 50 Bundesstaaten wurden State Parks eingerichtet, in einigen sogar mehr als 100. Auch diese sind oft äußerst sehenswert, aber nicht so überlaufen. State Parks werden von den Bundesstaaten verwaltet und dienen dem Naturschutz oder als Freizeitgelände. Sie haben zwar oft nicht die touristische Infrastruktur, wie man sie aus den Nationalparks kennt, dafür aber sind sie versteckte Schätze, in denen man Amerikas Schönheit oftmals näher sein kann als an den berühmten Reisezielen. 

Bruneau Dunes State Park, Idaho
Ein Beispiel: Der Bruneau Dunes State Park ist schon deswegen kaum als touristischer Hotspot anzusehen, weil er in Idaho liegt und damit fernab der allermeisten Reiserouten. Hier kann man wunderbar spazieren, campen, die Sanddünen mit dem Schlitten heruntersausen oder einen von zwei Seen zum Schwimmen oder Angeln nutzen. Hervorragende Bedingungen für die Astronomie und Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten gibt's gleich noch mit dazu.  


Smith Rock State Park, Oregon
Oder Oregon: Der Smith Rock State Park liegt in der Region High Desert, in der Nähe von Redmond. Die Hauptattraktion hier ist der gleichnamige Felsen vulkanischen Ursprungs, an dem man klettern darf; genau genommen gilt er sogar als Geburtsort des Freikletterns in den USA. Wer weniger ambitioniert ist, kann auch einfach wandern und hat dabei vielleicht die Gelegenheit, einen Blick auf die reichhaltige Tierwelt zu werfen, die hier zu Hause ist - dazu gehören allerdings auch Klapperschlangen. Im State Park gibt es einen Campingplatz für alle, die an einem Tag nicht genug bekommen. 
False Cape State Park, Virginia

Andere Küste, anderes Beispiel. Im äußersten südwestlichen Zipfel von Virginia liegt das False Cape, so genannt weil es wie ein Kap aussieht, im Stadtgebiet von Virginia Beach. Es ist heute der Mittelpunkt eines State Parks, in dem es fast 7 Meilen nahezu unberührten Strand gibt. Erreichen kann man das Gelände nur, wenn man vorher mit einer Tram ein Naturschutzgebiet durchquert - allein die Anreise ist durchaus ein Erlebnis. 

State Parks sind eine echte Empfehlung für alle, die nicht zum ersten Mal nach Amerika kommen. Eine gute Übersicht über alle State Parks in den 50 Bundesstaaten gibt es bei http://www.stateparks.com/
 
 


4/26/2016

Ein paar Gedanken zu Obamas Besuch in Deutschland

Es war eine wahre Kakophonie, die über Deutschland hereinbrach, als Präsident Obama nach Hannover kam. Anti-Amerikanismus hat es schon immer gegeben in Deutschland, meist wenig beachtet und wenig überzeugend von überzeugten Altlinken, für die das Verabscheuen des amerikanischen Wesens so etwas wie ein letzter Halt war, nachdem sie selbst längst das Revolutionäre gegen die Einbauküche getauscht hatten. Aber neu dazugestoßen sind Neurechte, für die Amerika im Allgemeinen etwas schlechtes ist, weil sie glauben, dass "ihr" Deutschland fremdgesteuert und "unter Besatzung" ist. Ein Amerika unter einem schwarzen Präsidenten natürlich noch viel mehr. Die Ablehnung des Begriffs "Amerika" und des Landes USA, auch das planlose Geschrei gegen TTIP und der Rassismus in den sozialen Netzwerken, der in all diesem zum Tragen kommt, wird dieser Tage fleißig befeuert von Stimmungsmache und Finanzfluss aus Moskau.

Doch dann geht es weiter. Da gibt es die Leitartikler und Kolumnisten und die Agenturmeldungen abschreibenden Journalisten und jeder hat was beizutragen, muss was beizutragen haben. Um es klar zu sagen: Es ist die vornehmste Aufgabe von Journalisten, Dinge zu hinterfragen. Das Projekt TTIP bedarf noch vieler Erklärungen und diejenigen, die sich dafür einsetzen, haben in der Vergangenheit keinen guten Job dabei gemacht, es zu erklären, sondern haben tatenlos zugesehen, wie die Gegenseite immer weiter zulegte, an Mitteln, Methoden und Zuspruch. Warum jedoch auch in ernstzunehmenden Publikationen mit Begriffen und Vorwürfen hantiert wird, die man mit ein paar Mausklicks selbst als Unfug entlarven kann, müssen sich die Redaktionsverantwortlichen durchaus fragen lassen. Wenn ein kritisches Herangehen so undifferenziert, unsachlich und ideologiegetränkt daherkommt, wie es bei TTIP der Fall ist, dann öffnet man auch die Tür für über jedes Maß hinausgehende Meinungsäußerungen gegen den amerikanischen Präsidenten und zwar sowohl in Bezug auf dessen Position als auch auf seine Person.

Barack Obama hat diese Reise angetreten, weil die USA das diesjährige Partnerland der Hannover Messe sind, eine der weltweit wichtigsten Industriemessen. Obama hat im Laufe seiner Amtszeiten versucht, der Industrie in den USA neue Impulse zu geben. Sicher darf man es auch als Geste der Freundschaft verstehen, dass er gekommen ist und sicher darf man anlässlich eines solchen Besuchs auch andere Politikthemen hinterfragen. Wenn Obama aber dafür kritisiert wird, dass er für amerikanische Produkte wirbt oder sich dafür einsetzt, dass ein Abkommen mit der EU geschlossen wird, dass auch den US-Unternehmen nutzen wird und dort wie hier Arbeitsplätze schaffen wird, dann ist dringend ein Reality Check nötig. Barack Obama ist in erster Linie Präsident der USA und gegenüber den amerikanischen Bürgern in der Verantwortung und es ist sein gutes Recht, diese Verantwortung vor alles andere zu stellen. Anders gesagt, was man in Deutschland oder sonstwo über ihn und sein Auftreten denkt, das könnte ihm ziemlich gleichgültig sein - übrigens auch jedem Nachfolger, egal ob dieser nun Clinton, Trump oder Sanders heißt. Es ist ihm aber nicht egal, weil er allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz Deutschland als Freund und Partner ansieht. Gerade vor diesem Hintergrund ist es mehr als traurig, dass die politische Stimmung in Deutschland derzeit wohl nur noch von den ganz schrillen Stimmen geprägt wird.