11/21/2016

Amerika im November

Ein Spielplatz in Brooklyn, New York, am 20.11.2016

Richard B. Spencer wird als Erfinder des Begriffs "Alt-Right" angesehen. "Alt-Right" ist, ganz grob, das was bei uns unter "Rechtspopulismus" zusammengefasst wird, wobei man die Definition auch noch weiter nach rechts verschieben kann. Es gibt Leute, die Spencer dem "White Supremacist"-Umfeld zurechnen, also jenen Leuten, die von der Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt sind. Zu Alt-Right jedenfalls gehören neben Spencer auch Leute wie Stephen Bannon und Andrew Breitbart.

Nach dem Tod des Gründers hatte Stephen Bannon die Leitung der Breitbart-Website übernommen und sie nicht nur zum Sturmgeschütz von Alt-Right ausgebaut, sondern auch zu der Nachrichtenschleuder im Netz, die maßgeblich zu Donald Trumps Sieg bei den Wahlen beigetragen hat. Im Oktober hatte die Seite 85 Millionen Zugriffe verzeichnet. "Ich habe das Zuhause der Alt-Right Bewegung gebaut", hatte er stolz verkündet. Andrew Breitbart selbst hatte seinen Nachfolger mal mit den Worten beschrieben, Stephen Bannon sei die Leni Riefenstahl der Tea Party.

Stephen Bannon ist von Donald Trump zum Chefberater für die Präsidentschaft ernannt worden, er wird erheblichen Einfluss auf die amerikanische Politik ab Januar haben.  

Zurück zu Richard Spencer. Der kam nach eigenem Bekunden nach Trumps Wahlsieg aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. So jedenfalls erzählte er das am vergangenen Wochenende bei der Jahrestagung des von ihm geleiteten National Policy Instituts.

Später dann sprach er deutsch, als er Worte und Gedanken zitierte, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 benutzt worden waren. Abgeschlossen wurde sein Vortrag mit einem kräftigen "Heil the People! Heil Victory!". Und im Raum reckten sich ihm ausgestreckte rechte Arme entgegen.    

10/28/2016

Wo die zweite Scheibe Käse auf dem Cheeseburger herkommt

Es türmt sich ein gewaltiger Berg auf. Er besteht aus Käse und er wächst jeden Tag weiter. Ein erhellender Artikel bei Vox.com warf neulich ein Schlaglicht auf das kaum für möglich gehaltene Spannungs- und Interdependenzverhältnis zwischen China, amerikanischer Käseproduktion, Russland und dem Rückgang des Anteils der weißen Bevölkerung in den USA. Das alles fügt sich tatsächlich zusammen und diese Story geht ungefähr so:


Mehr als 500 Millionen Kilo Käse lagern derzeit in Kühlhäusern überall im Land, das Ergebnis einer hemmungslosen, profitgetriebenen Überproduktion in den letzten Jahren. Diese wiederum war die Folge eines Aufschwungs für die chinesische Mittelklasse vor zwei Jahren, die sich in einem Heißhunger der Chinesen auf Milchpulver ausdrückte. Sicher auch auf andere Dinge wie Reisen nach Europa und Luxusuhren aus Schweizer Produktion, aber eben auch auf Milchpulver.

Der amerikanische Farmer handelte schnell, kaufte Extra-Kühe und fuhr die Produktion von Milch hoch. Dank der Chinesen stiegen die Preise kräftig und da wollte der amerikanische Farmer gerne mitmachen. Doch dann spielten die politischen Entwicklungen nicht mehr mit. Chinas Wirtschaft kam ins Stocken, die EU hob die Deckelung der Milchproduktion auf, der steigende Dollarkurs machte amerikanische Produkte teurer, die Russen waren beleidigt und wollten keine westlichen Lebensmittel mehr kaufen und plötzlich war da viel zu viel Milch und viel zu viele Kühe, die immer weiter Milch produzierten.

Die Milch kam auf den heimischen Markt, wo sich die Verbraucher über billige Milchpackungen freuten und die Käsemacher auf einmal günstige Rohstoffe vorfanden. Nur - so viel Käse können die Amerikaner nicht essen. Zumal die weiße Bevölkerung, die früher im Durchschnitt am meisten Milch konsumierte, immer geringere Anteile an der Bevölkerung stellt. Und so verdirbt der Käse jetzt langsam und noch viel schneller verdirbt die Milch, die gar nicht erst an die Käsemacher verkauft werden konnte. Manchmal verdirbt sie so schnell, dass die Milchhersteller ihre Produkte einfach in die Landschaft ablassen müssen.

Die Regierung musste eingreifen. Zur Regierung gehört das Landwirtschaftsministerium und das kauft immer mal für ein paar Millionen Milch und Käse auf, damit nicht noch mehr Milch- und Käsemacher pleite gehen. Zum Landwirtschaftsministerium gehört auch die Marketinggesellschaft Dairy Management Inc. (DMI), die bei Unternehmen dafür wirbt, dass sie mehr Milchprodukte kaufen und verarbeiten sollen. Zum Beispiel hat die DMI McDonald's davon überzeugt, dass Cheeseburger mit zwei Scheiben Käse einfach besser schmecken.

Eine Lösung für das Problem ist nicht in Sicht. Die Amerikaner müssten viel, viel mehr Käse essen, das würde helfen, aber auch dann bleibt noch immer ein riesiger Berg übrig. Vielleicht brauchen die Chinesen ja bald wieder Milchpulver.

10/09/2016

Russlands Kolonie in Kalifornien

Mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer Fläche bekamen die USA am 30. März 1867 dazu, als sie dem schwer in Geldnot geratenen russischen Zaren Alaska abkauften. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatten sich Russen in Alaska niedergelassen, sie lebten in aller Regel vom Pelzhandel - wobei sie die eingeborene Bevölkerung der Aleuten als Sklaven benutzten. Allerdings hatte man die Population der Otter, auf deren Fell es die Kolonialherren abgesehen hatten, ziemlich rasch so weit dezimiert, dass sich das Jagd-Business nicht mehr richtig lohnte. Auch das mit der Landwirtschaft wollte auf Alaska Boden nicht so recht funktionieren und so wurde es Zeit, sich nach neuen Möglichkeiten umzusehen.


So fiel der Blick auf Kalifornien. Dort hatten die Spanier zu jener Zeit schon allerhand Kolonien errichtet und es ging ihnen nicht schlecht. Die Russen hatten mit den Spaniern zuvor schon so einiges an Handel getrieben und gemeinsam auf die Jagd gegangen war man an der kalifornischen Küste auch schon. So kannten sie die Region also und, mal ehrlich, irgendwie sah Kalifornien halt auch ansprechender aus als Alaska. Fruchtbare Böden gab es da und auch Otter.

Ab 1808 begannen so die Bemühungen um die Errichtung einer permanenten russischen Siedlung in Kalifornien. So richtig wollte das anfangs nicht klappen und nach und nach tauchten dann auch immer mehr Otterpelzjäger in den Gewässern auf, so dass die Beute auch hier bald knapp wurde. Einige kleinere russische Siedlungen entstanden dennoch, mit einem Fort als Zentrale, das später von französischen Entdeckern als "Fort Ross" bezeichnet wurde, wobei das "Ross" auf "russisch" und eine Lautverschiebung zurückzuführen ist.



Doch so richtig glücklich wurden die Russen hier auch wieder nicht. Ein Chronist beklagte nach einiger Zeit, dass das Fort und die Ländereien nur Ausgaben, aber kaum Ertrag einbrachten - die landwirtschaftlichen Bemühungen waren wenig erfolgreich. So verloren sie bald den Spaß an ihren kalifornischen Ländereien und suchten nach jemandem, der ihnen das Fort und die Siedlungen abkaufen würde, zunächst erfolglos. Schließlich war es John Sutter, der deutsch-schweizerische Pionier, der maßgeblich zur Entwicklung Kaliforniens beigetragen hatte, der Fort Ross kaufte, für 30.000 Dollar. Das war das Ende der russischen Kolonie in Kalifornien.

Doch eine Geschichte mit russischer Beteiligung kommt natürlich nicht ohne Komplikationen aus. 2009 drohte dem kalifornischen State Park aus finanziellen Gründen die Schließung. Schließlich sprang eine russische Firma aus New York ein und half mit einer Finanzspritze aus. Und in jüngerer Vergangenheit haben irgendwelche Leute mit Agenda die Geschichte um Sutter wieder ausgegraben und die Behauptung aufgestellt, dass die 30.000 Dollar nie bezahlt worden seien. Aus diesem Umstand, so geht die Legende weiter, erwachse natürlich auch im Jahr 2016 noch ein Anspruch Russlands auf die Ländereien. Die Tatsache, dass Sutters Zahlung belegt ist, spielt bei einer solchen Agenda natürlich keinerlei Rolle.


Fort Ross California State Historic Park, bei Jenner im Sonoma County, täglich geöffnet
http://www.parks.ca.gov/?page_id=449   

9/04/2016

Gottes Botschaft

Zu den Eindrücken eines Roadtrips durch die USA, besonders wenn man durch kleinere Orte kommt, gehören ein paar Dinge, die man zuerst als unbekannt wahrnimmt, die sich aber bald ganz selbstverständlich in den Gesamteindruck einfügen. Wassertürme sind solche Dinge, aber auch Tafeln mit Wechselbuchstaben, wie sie zum Beispiel vor Schulen stehen, aber besonders gerne vor Kirchen. Dort verkünden sie entweder das Wort Gottes oder Termine für die Kirchengemeinde. Meistens jedenfalls.

Oder sie werden für ganz andere Botschaften genutzt und dienen damit als leuchtendes Beispiel dafür, dass man in Amerika mit manchen Themen eben ein bisschen ungezwungener umgeht. In diesem Beispiel etwa möchte man wohl mit einem Augenzwinkern die Schwellenangst senken und neue Schäfchen für die Gemeinde gewinnen. Letzteres ist vermutlich ein nicht ganz unwichtiger Faktor für die fantasievollen church signs im Land: Zum einen möchte man sich als weltoffen und modern präsentieren, als Ort der Gemeinschaft zuerst, geleitet vom Glauben, aber trotzdem weltlich. Zum anderen aber sind Kirchen in den USA darauf angewiesen, die Zahl der Gläubigen zu steigern, denn die Finanzierung der Glaubensgemeinschaften ist davon abhängig. 

Hier nun also ein Blick darauf, wie kreativ Kirchen auf sich aufmerksam machen:


Für Sportfans:


Leise drohend:



Konkurrenz ist schließlich überall:



Soziale Netzwerke gibt's auch offline:



Ruhig auch mal einen ganz aktuellen Trend mitmachen:



Irgendwann ist es schließlich auch mal genug mit dem Beten:



Obwohl... Gibt's da nicht doch was zu beichten?



Auf jeden Fall: Genau lesen, was da steht!










  

8/12/2016

Ein digitaler Albtraum

In der Mitte von Kansas geht es beschaulich zu. Es gibt viel Grün, dazwischen mal einen Wasserturm und ein paar Gebäude. Ein paar Leute verdienen ihr Geld mit Zulieferservices für die Ölindustrie, andere mit der Landwirtschaft. So richtig aufregend ist hier nichts. Sollte man meinen. Die Arnolds aus Potwin, Kansas sehen das allerdings etwas anders.



Irgendwann vor rund 14 Jahren machte sich eine Firma daran, alle IP-Adressen, die es so gibt, zu Straßenadressen zuzuordnen. Das lief auch ganz gut; jedenfalls so gut, dass die dabei entstandenen digitalen Landkarten in den folgenden Jahren einige Verbreitung fanden. Dem Problem, dass man aber längst nicht alle IP-Adressen tatsächlich einem geographischen Ort zuordnen kann, entledigten sich die Kartographen auf etwas unelegante Art: Sie legten sie alle einfach auf einen Punkt, irgendwo ziemlich genau in der Mitte der USA. 

Seitdem liegen rund 600 Millionen IP-Adressen im Vorgarten der Arnolds. Die wiederum gehobeneren Alters sind und mit dieser Information wohl nicht mal etwas hätten anfangen können, wenn sie ihnen bewusst gewesen wäre. War sie aber nicht. Und so waren die Arnolds einigermaßen erstaunt, als der Sheriff vorbeikam. Und die Polizei. Und das FBI. Und die Steuerbehörde. Und alle hegten böse kriminelle Verdächtigungen. Noch böser waren die erbosten Kunden diverser Internet-Dienstleister, bei denen irgendwas nicht funktionierte und die deswegen persönlich vorbeikamen oder anriefen. 

Das ganze Schauspiel zog sich über Jahre hin, oft wurden die Arnolds nachts aus dem Schlaf geklingelt. Bis eine andere Internetfirma die vielen Millionen gleichen Adressen bemerkte und den Hausbesitzer darauf aufmerksam machte. Der Sammelpunkt für nicht eindeutig identifizierbare IP-Adressen ist jetzt ein paar Meilen weiter weg, in einem See. Und die Arnolds sind jetzt vor Gericht gezogen.


Die ganze Story ist nachzulesen bei der Denver Post

7/11/2016

Der Verständiger

Es ist ein überaus freundliches, sympathisches Gesicht, das einem auf der Website des Dallas Police Departments und an anderen Stellen begegnet. David Brown, so scheint es, lächelt eigentlich immer und auf manch einem Foto hat er eine Brille auf, die ein bisschen grotesk wirkt; so eine Brille, wie sie von Leuten getragen wird, die sich selbst nicht so ernst nehmen. 
Brown ist seit 2010 Polizeichef von Dallas und hätte es jenen Tag im Juli 2016 nicht gegeben, dann wäre das außerhalb von Texas nur den wenigsten Leuten bekannt gewesen. Dann aber stand Brown plötzlich vor Dutzenden Kameras und musste erklären, was seine Leute herausgefunden hatten über einen Mann, der eine Protestveranstaltung gegen mutmaßlich rassistisches und gewalttätiges Vorgehen von Polizisten genutzt hatte, um Polizisten zu erschießen. Fünf starben in dieser Nacht.
Schwarz, weiß, Morde, Polizei. David Brown ist nicht neu in dieser Welt, es scheint nur irgendwie ein besonders sarkastischer Schachzug des Schicksals zu sein, dass er und sein freundliches Gesicht immer wieder in den Mittelpunkt dieses Themas rücken. 1991 war Brown schon acht Jahre bei der Polizei in seinem Heimatort Dallas, er hatte unten auf der Karriereleiter angefangen mit Streifendienst, als sein jüngerer Bruder erschossen wurde, es war wohl irgendwas mit Drogen. Das war drei Jahre nachdem Brown erleben musste, wie ein Freund von der Polizeiakademie im Dienst getötet worden war.
All die Gewalt und die Getöteten - man hätte es David Brown nicht verübeln können, wenn er aus diesen Kreisen ausgestiegen wäre. Doch er machte weiter. Machte Fortbildungen, unter anderem beim FBI und bei den Sicherheitsbehörden in Israel, er arbeitete in der SWAT-Abteilung, wo es richtig zur Sache geht und in der internen Revision, wo sie sich unter anderem um Fälle kümmern, in denen Polizisten übertriebene Gewalt angewendet haben. Brown kennt alles, die Bilder und die Erklärungen und die Ansätze zur Verbesserung, vor allem kennt er das Bodenlose, vor dem man angesichts dieser Gewalt stehen kann. 2010, in der ersten Woche, in der er den Posten des Polizeichefs von Dallas innehatte, hatte Brown die ersten Erfahrungen mit den Kameras hatte machen müssen. Er erklärte der Öffentlichkeit damals, dass Polizisten einen jungen Mann erschossen hatten, von dem eine Gefahr ausgegangen war. Der Mann hatte zuvor einen Polizisten und einen weiteren Mann getötet. Der Mann war Browns Sohn, ebenfalls David mit Vornamen und an einer bipolaren Störung erkrankt. Es war Vatertag.   
Der Sohn ein Polizistenmörder, der Vater der Polizeichef einer der größten Städte der USA. Diese Schicksalsschläge müssen ihn geprägt haben, auch wenn man sie in dem lachenden Gesicht nicht ablesen kann. Ungeachtet der Dinge, die passiert waren, verfolgte Brown seine selbst gesetzte Agenda völlig unbeirrt. Er wollte die Beschwerden über unverhältnismäßige Einsätze der Polizisten reduzieren; er wollte, dass geredet wird statt geschossen. An dem Abend, an dem in Dallas 2016 die Polizisten von einem Heckenschützen erschossen wurden, hatten Browns Mitarbeiter Bilder über Twitter verbreitet, auf denen sich Polizisten Arm in Arm mit Demonstranten zeigten, die gekommen waren, weil sie ihren Ärger über die Polizeigewalt im Land in den Nachthimmel schreien wollten. “Community policing” nennt man die Strategie von David Brown und sie sieht vor, dass die Polizei als Teil der Gemeinschaft verstanden wird und sich auch selbst so versteht, dass die Officers zu Fuß Streife gehen, den Leuten auf der Straße Guten Tag sagen, statt in Fahrzeugen mit verdunkelten Scheiben durch die Straßen zu rollen. Wenn es zu Zwischenfällen kam, wenn wieder jemand durch die Waffe eines Polizisten ums Leben gekommen war, dann ließ Brown die Namen der Beamten veröffentlichen und die Menschen von Dallas so gut es geht an den Ermittlungen teilhaben.  
Im Jahr vor Browns Amtsantritt hatte es 150 Beschwerden gegeben über die Art und Weise, wie Dallas’ Polizisten vorgingen. Letztes Jahr waren es 13. Dallas ist ein Vorbild geworden, hohe Beamte aus anderen Städten in Amerika sehen sich oft an, wie Brown das macht mit der Bürgernähe. Es gibt nicht viele Städte, die Vorwürfe von polizeilichem Rassismus und übertriebener Polizeigewalt so gelassen zurückweisen können wie Dallas das kann. Und am Tag, nachdem ein Ex-Soldat fünf seiner Leute kaltblütig erschossen und sechs weitere verwundet hatte, da trat David Brown erneut vor die Kameras. “Wenn Ihr etwas ändern wollt”, wandte er sich an die, die vor den Morden friedlich demonstriert hatten, “dann bewerbt Euch bei der Polizei. Wir suchen Leute wie Euch.”

Dieser Text erschien zuerst bei Texas-Magazin

7/04/2016

Versteckte Juwelen

Die Nationalparks sind wohl so etwas wie die Kronjuwelen des amerikanischen Tourismusangebots. Klar, den Grand Canyon, Yosemite oder Bryce Canyon muss man auch mal gesehen haben. Es ist allerdings leider so, dass die wenigsten Besucher sich ausreichend Zeit nehmen, um all die Schönheiten eines Nationalparks richtig zu erkunden. Meistens bleibt man ja doch in einem ziemlich engen Radius rund um das Besucherzentrum und da ist es entsprechend voll, vor allem während der Hauptreisezeiten. 

Für fortgeschrittene USA-Touristen und als Alternative lohnt da ein Blick auf die State Parks. In allen 50 Bundesstaaten wurden State Parks eingerichtet, in einigen sogar mehr als 100. Auch diese sind oft äußerst sehenswert, aber nicht so überlaufen. State Parks werden von den Bundesstaaten verwaltet und dienen dem Naturschutz oder als Freizeitgelände. Sie haben zwar oft nicht die touristische Infrastruktur, wie man sie aus den Nationalparks kennt, dafür aber sind sie versteckte Schätze, in denen man Amerikas Schönheit oftmals näher sein kann als an den berühmten Reisezielen. 

Bruneau Dunes State Park, Idaho
Ein Beispiel: Der Bruneau Dunes State Park ist schon deswegen kaum als touristischer Hotspot anzusehen, weil er in Idaho liegt und damit fernab der allermeisten Reiserouten. Hier kann man wunderbar spazieren, campen, die Sanddünen mit dem Schlitten heruntersausen oder einen von zwei Seen zum Schwimmen oder Angeln nutzen. Hervorragende Bedingungen für die Astronomie und Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten gibt's gleich noch mit dazu.  


Smith Rock State Park, Oregon
Oder Oregon: Der Smith Rock State Park liegt in der Region High Desert, in der Nähe von Redmond. Die Hauptattraktion hier ist der gleichnamige Felsen vulkanischen Ursprungs, an dem man klettern darf; genau genommen gilt er sogar als Geburtsort des Freikletterns in den USA. Wer weniger ambitioniert ist, kann auch einfach wandern und hat dabei vielleicht die Gelegenheit, einen Blick auf die reichhaltige Tierwelt zu werfen, die hier zu Hause ist - dazu gehören allerdings auch Klapperschlangen. Im State Park gibt es einen Campingplatz für alle, die an einem Tag nicht genug bekommen. 
False Cape State Park, Virginia

Andere Küste, anderes Beispiel. Im äußersten südwestlichen Zipfel von Virginia liegt das False Cape, so genannt weil es wie ein Kap aussieht, im Stadtgebiet von Virginia Beach. Es ist heute der Mittelpunkt eines State Parks, in dem es fast 7 Meilen nahezu unberührten Strand gibt. Erreichen kann man das Gelände nur, wenn man vorher mit einer Tram ein Naturschutzgebiet durchquert - allein die Anreise ist durchaus ein Erlebnis. 

State Parks sind eine echte Empfehlung für alle, die nicht zum ersten Mal nach Amerika kommen. Eine gute Übersicht über alle State Parks in den 50 Bundesstaaten gibt es bei http://www.stateparks.com/
 
 


4/26/2016

Ein paar Gedanken zu Obamas Besuch in Deutschland

Es war eine wahre Kakophonie, die über Deutschland hereinbrach, als Präsident Obama nach Hannover kam. Anti-Amerikanismus hat es schon immer gegeben in Deutschland, meist wenig beachtet und wenig überzeugend von überzeugten Altlinken, für die das Verabscheuen des amerikanischen Wesens so etwas wie ein letzter Halt war, nachdem sie selbst längst das Revolutionäre gegen die Einbauküche getauscht hatten. Aber neu dazugestoßen sind Neurechte, für die Amerika im Allgemeinen etwas schlechtes ist, weil sie glauben, dass "ihr" Deutschland fremdgesteuert und "unter Besatzung" ist. Ein Amerika unter einem schwarzen Präsidenten natürlich noch viel mehr. Die Ablehnung des Begriffs "Amerika" und des Landes USA, auch das planlose Geschrei gegen TTIP und der Rassismus in den sozialen Netzwerken, der in all diesem zum Tragen kommt, wird dieser Tage fleißig befeuert von Stimmungsmache und Finanzfluss aus Moskau.

Doch dann geht es weiter. Da gibt es die Leitartikler und Kolumnisten und die Agenturmeldungen abschreibenden Journalisten und jeder hat was beizutragen, muss was beizutragen haben. Um es klar zu sagen: Es ist die vornehmste Aufgabe von Journalisten, Dinge zu hinterfragen. Das Projekt TTIP bedarf noch vieler Erklärungen und diejenigen, die sich dafür einsetzen, haben in der Vergangenheit keinen guten Job dabei gemacht, es zu erklären, sondern haben tatenlos zugesehen, wie die Gegenseite immer weiter zulegte, an Mitteln, Methoden und Zuspruch. Warum jedoch auch in ernstzunehmenden Publikationen mit Begriffen und Vorwürfen hantiert wird, die man mit ein paar Mausklicks selbst als Unfug entlarven kann, müssen sich die Redaktionsverantwortlichen durchaus fragen lassen. Wenn ein kritisches Herangehen so undifferenziert, unsachlich und ideologiegetränkt daherkommt, wie es bei TTIP der Fall ist, dann öffnet man auch die Tür für über jedes Maß hinausgehende Meinungsäußerungen gegen den amerikanischen Präsidenten und zwar sowohl in Bezug auf dessen Position als auch auf seine Person.

Barack Obama hat diese Reise angetreten, weil die USA das diesjährige Partnerland der Hannover Messe sind, eine der weltweit wichtigsten Industriemessen. Obama hat im Laufe seiner Amtszeiten versucht, der Industrie in den USA neue Impulse zu geben. Sicher darf man es auch als Geste der Freundschaft verstehen, dass er gekommen ist und sicher darf man anlässlich eines solchen Besuchs auch andere Politikthemen hinterfragen. Wenn Obama aber dafür kritisiert wird, dass er für amerikanische Produkte wirbt oder sich dafür einsetzt, dass ein Abkommen mit der EU geschlossen wird, dass auch den US-Unternehmen nutzen wird und dort wie hier Arbeitsplätze schaffen wird, dann ist dringend ein Reality Check nötig. Barack Obama ist in erster Linie Präsident der USA und gegenüber den amerikanischen Bürgern in der Verantwortung und es ist sein gutes Recht, diese Verantwortung vor alles andere zu stellen. Anders gesagt, was man in Deutschland oder sonstwo über ihn und sein Auftreten denkt, das könnte ihm ziemlich gleichgültig sein - übrigens auch jedem Nachfolger, egal ob dieser nun Clinton, Trump oder Sanders heißt. Es ist ihm aber nicht egal, weil er allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz Deutschland als Freund und Partner ansieht. Gerade vor diesem Hintergrund ist es mehr als traurig, dass die politische Stimmung in Deutschland derzeit wohl nur noch von den ganz schrillen Stimmen geprägt wird.


4/15/2016

Das Frontier-Phänomen

Wenn man sich seit vielen Jahren intensiv mit den USA beschäftigt, dann fällt einem in 2016 vor allem auf, dass das Interesse an den politischen Entwicklungen hin zu den Präsidentschaftswahlen im November wohl noch nie so hoch war wie in diesem Jahr. Kein Newsportal kommt dieses Jahr ohne Sonderthema aus, keine Gemütsregung der Kandidaten bleibt ohne Erwähnung. Diese machen es den Journalisten aber auch leicht: Wird erstmals eine Frau ins Weiße Haus gewählt? Kommt der exzentrische Milliardär mit seiner aggressiven Rhetorik durch?

Leider führt der Druck, viele Textspalten füllen zu müssen auch dazu, dass der Blick für das verloren geht, was dieser Wahlkampf und seine Ergebnisse uns über das Land sagen. Viel zu schnell wird Trump als loudmouth abgetan, seine Wähler als gestrige Einfaltspinsel. Cruz, das ist der Bibel-Fanatiker, Rubio war der Sonnyboy, Bush war ein Bush und Kasich war der Gute, was die Republikaner aber nicht erkannt haben. Und bei den Demokraten galt Sanders als der mit den verschrobenen Ideen; nett, aber für Amerikaner unwählbar und Clinton sozusagen als Ersatz-Obama, etwas weniger cool vielleicht.

Aber so einfach ist das nicht. Wer sich wirklich der Frage annähern will, was der Politikbetrieb des Jahres 2016 über Amerika und die Amerikaner sagt, der muss sich als erstes von dem Gedanken lösen, dass die Amerikaner mit dem Präsidenten, den sie wählen, irgendjemandem einen Gefallen tun wollen. Es ist ihr Wahlkampf, es geht um den Präsidenten ihres Landes. Allein an dieser Erkenntnis scheitern viele Beurteilungen der Vorgänge, wie sie von europäischen Medien gerne veröffentlicht werden. 

Zug nach Westen - ein bedeutendes Motiv für das Verständnis von Amerika
Es gibt sogar Leute und zwar gar nicht so wenige, für die es erst recht ein Ansporn ist, einen Kandidaten wie Trump zu wählen, je lauter die Stimmen im Ausland aufjaulen. Um das nachvollziehen zu können, muss man ein bisschen was über Amerika verstanden haben und da kommt auch das in diesen Tagen so viel zitierte Establishment ins Spiel. Amerika, so wie wir es heute kennen, wurde zu einem bedeutenden Teil von Menschen begründet, die einen Ausweg aus Entrechtung und Benachteiligung in Europa suchten. Sie schlossen sich zu intelligent gestalteten Vereinigungen zusammen und hielten nicht viel von zentralen Instanzen, die über sie Recht und Ordnung sprechen sollten; die Gemeinschaft war ebenso das verbindende wie auch das ordnende Element. Später kam die frontier dazu, die letzte Grenze vor einer scheinbar unbewohnbaren Wildnis, die dann aber doch immer weiter nach Westen verschoben wurde. Auf dem Weg bis zum Pazifik bekam jeder, der das wollte, ein Stück Land und war fortan Schmied seines eigenen Glückes. So war vielen im Land Washington schon immer ein mehr oder weniger abstraktes, fernes Gebilde. Individualität prägte das junge Land, auch Freiraum in jeder Hinsicht und das Vertrauen in die eigene Kraft.

Nun waren zwar weder Kandidaten noch Wähler des Jahres 2016 persönlich bei den Treks gen Westen dabei, doch das amerikanische Selbstverständnis, übertragen durch Generationen, fußt zu einem guten Teil auf diesen Prinzipien. Viele der Menschen sehen sich für ihr Wohlergehen zuerst einmal selbst verantwortlich. Der Staat, das ist eine mehr oder weniger abstrakte Gestalt, die Steuern einzieht und die ansonsten nicht übermäßig präsent ist, was wiederum Tür und Tor dafür öffnet, dass man sich von ihm gerne einmal in seiner regionalen Identität und selbstverstandenen Kauzigkeit missverstanden fühlen kann. Solcherlei Empfindungen sind vor allem im Süden und Westen anzutreffen.  

Als Barack Obama vor acht Jahren den zentralen Platz an der Tafel der Staatsmänner und –frauen einnahm, da bekam die Welt einen Eindruck von dem change, den er mitbringen würde und die Amerikaner erfuhren, dass „Yes, we can“ nicht bloß ein griffiger Slogan war, sondern eine Erwartungshaltung. Obamas Plan sah nichts Geringeres vor als ein anderes Verständnis eines für die amerikanische Identität bedeutenden Politikfelds, dem der Außenpolitik. Amerika sollte zukünftig Partner suchen statt Alliierte. Es sollte neue Wege in der Weltpolitik beschreiten, neue Kommunikationsebenen ergründen und insgesamt zurückhaltender sein. Dazu kamen dann noch Ideen wie eine verpflichtende Krankenversicherung, staatliche Hilfen für die vor dem Abgrund stehende Autoindustrie und staatliches Eingreifen in den Finanzmarkt und eine deutliche Bedeutungsaufwertung für Umwelt- und Klimaschutz. „We can“ hieß in der Langform, „wir können ein Land werden, das sich derartig positioniert“ und Obama wusste natürlich, dass dieses Land keineswegs so homogen war, es nie gewesen ist, als dass man es so einfach manövrieren könnte. Was er aber wohl unterschätzt hatte, das war die Dynamik, die sich im Spannungsfeld von Veränderungen ergeben kann.

Legt man die Ergebnisse von Präsidentschaftswahlen in den USA auf eine Landkarte, dann ergibt sich fast immer dasselbe Bild. Die Westküste und der Nordosten wählen die Demokraten und der Norden des Mittleren Westens ebenfalls. Im Herzland, in den ländlichen Regionen also, wählen sie die Republikaner und im Süden sowie in Texas sowieso. Barack Obama schaffte es 2008, in diesen republikanischen Landschaften einen Pflock einzuschlagen und die Wahlmänner aus New Mexico, Colorado und vor allem Florida zu gewinnen. Eine Trendwende aber, eine Umkehr politischer Realitäten, war das nicht. Es war der junge Schwarze mit dem federnden Schritt und der Vorliebe für Basketball, der so ganz anders rüberkam als die, die normalerweise mit Washington in Verbindung gebracht wurden. Die sahen so aus wie John McCain, Obamas Gegenkandidat; schon älter und grauhaarig und seit vielen Jahren im Politikbetrieb. Obama konnte damals mit Frische punkten, aber gefallen hat das nicht jedem, im Gegenteil: Dass McCain, Kriegsveteran, stramm konservativ und einer, der für eine starke amerikanische Führung in der Weltpolitik einsetzt, gegen diesen Nobody verloren hatte, von dem man in weiten Kreisen nicht mal so ganz sicher war, wo er überhaupt geboren worden war, das machte viele wütend.

Barack Obama aber kümmerte sich nicht viel um die Wütenden. Auch wenn ihm heute wiederum vorgeworfen wird, nichts verändert oder erreicht zu haben, so ging er tatsächlich ziemlich unerschrocken Themen an, vor denen er sich vielleicht über den Weg des Verweises auf die politische Kompromissprämisse auch hätte drücken können. Dieses forsche Eintreten für Dinge, die ihm am Herzen liegen, ließen den Präsidenten und die Teile seines Volks, die ihn ohnehin nie gewählt hätten, noch weiter auseinander driften. Obama verstand die Grundsätze und Vorstellungen dieses Teils der Bevölkerung nicht und er gab sich auch keine große Mühe, sie zu verstehen. Manchmal, das merkte man ihm an, brachten ihn diese Menschen an den Rand der Verzweiflung, etwa wenn er zum wiederholten Male daran scheiterte, die Waffengesetze zu verschärfen. Wenigstens in einem Feld aber hat der Präsident recht weitreichende Autarkie, was die Kursbestimmung angeht und so ist Barack Obamas Handschrift vorrangig in der Außenpolitik ablesbar. Der erste Besuch eines US-Präsidenten in Kuba fiel in seine Amtszeit, der Versuch einer neuen Annäherung an die arabische Welt und an den Iran, ebenso wie eine deutliche Abkühlung der Beziehungen zu Israels Führung. Der russischen Regierung ließ er symbolträchtig einen Reset-Knopf überreichen. Doch so wie Obama Stärke demonstrierte, indem er sich von einzelnen Meinungsfraktionen nicht vom Weg abbringen ließ, so sieht es einer wie Putin als Schwäche an, wenn jemand ihn um einen entspannteren Umgang bittet. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Putin die gutgemeinte Geste als weitere Motivation verstanden hat, mit seinem Kurs fortzufahren, der sich im Wesentlichen dadurch auszeichnet, dass Putin ziemlich darauf pfeift, was andere denken. Ohne Skrupel ließ er die Ukraine überfallen, raubte ihr die Krim, entsandte Tausende Soldaten und log darüber vor der gesamten Weltöffentlichkeit. Reset Button? Der spielte auch keine Rolle bei Russlands völlig eigenmächtigem Eingreifen in Syrien und dann schafften es die Russen auch noch, das Ganze hinterher so aussehen zu lassen, als ob Washington die russische Kriegsführung in Syrien ganz gut finden würde.

Alles das zusammen in einem Topf ist für viele Amerikaner eine schwer verdauliche Suppe. Das Gefühl, dass das Amerika von Barack Obama vielleicht das der intellektuellen Eliten und der Angestellten der oberen Hierarchiestufen ist, aber nicht das Amerika der Rancher im Westen oder der Industriearbeiter im Süden, verstärkte sich und diesmal ist die personifizierte Projektionsfläche für den Wunsch nach Veränderung dann erneut derjenige Kandidat, der am wenigsten Anknüpfungspunkte mit den zurückliegenden acht Jahren Washington hat. Als Business-Profi weiß einer wie Trump, dass „Make America great again“ zieht in solchen Zeiten, der Slogan ist seine stärkste Aussage. Vermutlich hätte es die verbalen Ausfälle gegen Mexikaner, Muslime und europäische Politiker gar nicht gebraucht, denn was letztlich zählt ist, dass da einer ist, der den Menschen verspricht, ihnen ihr Amerika wiederzugeben, was sie in acht Jahren Obama verloren geglaubt haben. Von jeder Stimme, die Trump zum Demagogen oder zum Idioten abzustempeln versucht, fühlen sich solche Wähler in ihrer Entscheidung für den, „der mal richtig aufräumt“ noch bestätigt.    

Amerika hat sich in den letzten Jahren zu einer Fläche verwandelt, auf der kaum noch etwas als unverrückbare Gegebenheit hingenommen wird. Nichts ist zu absurd, um nicht hier und da als Erörterungsgrundlage akzeptiert werden zu können; keine Faktenlage zu unumstößlich belegt, als dass man sie nicht trotzdem hinterfragen könnte. Es ist eine Kultur des Zweifels entstanden, jede Hypothese hat ihre Nische und in solchen Zeiten siegen oft nicht das Nachdenkliche und Langfristige, sondern das Laute und das Grelle. Wo Hillary Clinton Politik als Beruf begreift, sieht Donald Trump sie als Plattform, die es zu erobern gilt und zu einer guten Eroberungsstrategie gehört auch immer das Überraschungsmoment. Andere Kandidaten, vor allem die im republikanischen Lager, waren mitunter kurz sprachlos, wenn Trump über seinen Wunsch nach der neuerlichen Nutzung von Folter sprach oder von Einreiseverboten und seine Anhänger rieben sich dann die Hände, weil wieder ein Coup gelungen war. Dass er dann oftmals wieder zurückrudern musste oder sich die lautesten Ankündigungen oft gar nicht in die schwierigen Rahmenbedingungen der Washingtoner Politik würden einfügen lassen – geschenkt. Wer sich von den Zweiflern hat anfixen lassen, ist offen für die simple Strategievorgabe, die empfundenen Unsicherheiten beenden zu wollen, mal aufräumen zu wollen. In gewisser Weise hat das sogar eine deutliche Parallele zum Obama-Wahlkampf vor acht Jahren. Auch Bernie Sanders auf der anderen Seite, im demokratischen Lager, profitiert zumindest in Ansätzen von diesen Rahmenbedingungen, unter denen in Amerika 2016 Politik gemacht wird.


So ist am Ende das Phänomen Trump nicht der Beleg eines neu aufkeimenden Faschismus oder einer Zeitenwende. Die Skepsis gegenüber den Regierenden ist ein Grundbaustein der amerikanischen Seele und ohne ihn hätte es die Entwicklung des Landes unter Nutzung eines unerschöpflichen Optimismus und Selbstvertrauens in dieser Form vielleicht gar nicht gegeben. Es würde auch unter Trump kein neues Amerika geben. Das liegt auch daran, dass jeder Präsident, der sich allzu weit aus dem Fenster lehnt, verlässlich spätestens nach der Hälfte der Amtszeit von einem dann neu zusammengesetzten Kongress wieder eingefangen wird. Und bis es überhaupt zu einem Präsidenten Trump kommen könnte, steht da ja noch Hillary Clinton im Weg. Die Frau, die in Obamas Namen damals den Reset-Knopf an Putins Außenminister Lawrow überreichte.     

3/18/2016

Wertvolle Lektionen

Und noch einmal Baseball, diesmal aber aus einem völlig anderen Blickwinkel.

Ein wirklich überragender Spieler war Adam LaRoche wohl nie, aber ein überdurchschnittlicher und trotzdem einer, der in Erinnerung bleibt. LaRoche ging immer seinen eigenen Weg, eckte auch mal an. Seit 2004 spielte er in der höchsten Liga, für insgesamt sechs Teams war er aktiv. Natürlich verdiente er, bei den astronomischen Summen, die im US-Profisport heute so hingeblättert werden, mehr Millionen, als er jemals wird ausgeben können.

LaRoche hat einen Sohn namens Drake und diesen band er regelmäßig in seinen Terminplan ein, nahm ihn mit zu Spielen, Trainingslagern und Trainingseinheiten. Nun muss man wissen, dass ein Baseball-Profi in den USA den ganzen Sommer über so gut wie nie zuhause ist, weil der Terminplan wirklich anspruchsvoll ist. Dass man also möglichst viele Gelegenheiten nutzen will, um mit der Familie zusammen zu sein, versteht sich. Auch muss man wissen, dass Adam LaRoche selbst der Sohn eines ehemaligen Profis ist und auch ihn hatte der Vater immer überall mit hin genommen.

Drake allerdings ist nun der Grund geworden, warum Adam LaRoche den Baseball-Handschuh an den Nagel gehangen hat. Kenny Williams, Vizepräsident bei den White Sox, zitierte den Spieler dieser Tage zu sich und ließ ihn wissen, dass es fortan nicht mehr gehen würde, dass Drake jeden Tag und immer und überall dabei sei. Manchmal sei es OK und es habe auch niemand was gegen den Jungen, aber so jeden Tag, das gehe nicht mehr. Adam LaRoche reagierte darauf nicht, wie ein professioneller Baseballspieler reagieren würde. Er reagierte eigentlich eher so, wie ein Vater reagieren würde, der es sich leisten kann.

"Wenn das so ist", so ließ er die Öffentlichkeit wissen, "dann höre ich eben auf mit Baseball." Sprach es, packte seine Tasche und erklärte seine Karriere für beendet. Das kann man sehen als die Aktion eines prinzipientreuen, liebenden Vaters, dem die Familie mehr bedeutet als die 13 Millionen, die er diese Saison verdient hätte und einige seiner Mannschaftskameraden haben sich auch dementsprechend geäußert.

Man kann es aber auch sehen als die eigensinnige, beleidigte Reaktion eines Mannschaftssportlers, der sein Team ein paar Tage vor der Saison im Stich lässt.